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BAFF-Newsletter Nr. 6
Betreff: BAFF-Newsletter Nr. 6
Sendungsdatum: 2011-11-18 10:04:04
Ausgabe #: 6
Inhalt:
Tatort-Stadion ab 25.11. in Innsbruck

2001 wurde die Ausstellung „Tatort Stadion“ vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) entwickelt und seitdem an fast zweihundert Orten in Deutschland gezeigt. Die Ausstellung leistete Pionierarbeit, indem sie Diskriminierung beim Fußball thematisiert.  Nun wird sie erstmals vom Kulturkollektiv Contrapunkt in Österreich gezeigt. Ein Rahmenprogramm rund um  das Thema Fankultur rundet das Ganze ab.

Die Ausstellung Tatort Stadion ist von 25.11. 2011 – 10.12. 2011 geöffnet (außer Montags). Am Wochenenden und Feiertagen von 15:00-20:00 und unter der Woche von 18:00-21:00 in der Bäckerei, Dreiheiligenstraße 21a Innsbruck.


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Aktion Libero – gegen Homophobie im Fußball

„Fußballfans gegen Homophobie“ unterstützt bundesweite Blogger-Aktion

In vielen Bereichen der Gesellschaft geht mit der Homosexualität eines Menschen keine Benachteiligung mehr einher. Ausgerechnet in der beliebtesten Sportart ist das anders: Der Fußball bleibt konservativ. Homophobie ist in den meisten Bereichen des Fußballs in einem solchen Ausmaß vorhanden, dass es für homosexuelle Menschen unzumutbar ist. Aus diesem Grund haben zahlreiche Blogger/-innen, die über Sport und insbesondere über Fußball schreiben, die AKTION LIBERO ins Leben gerufen. Heute, am 16. November 2011, erscheinen zeitgleich Texte in über 60 Sportblogs, die das Thema alle auf jeweils besondere Weise behandeln und sich so gegen Homophobie einsetzen.
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Offener Brief anlässlich des „Runden Tisches“ beim Innenminister am 14.11.2011

BAFF dokumentiert den Offenen Brief anlässlich des „Runden Tisches“ beim Innenminister am 14.11.2011


Am 14.11.2011 findet sich auf Einladung des Bundesinnenministers ein „Runder Tisch“ zusammen, der Maßnahmen erörtern will, mit denen der „Gewalt im Fußball“ entgegen gewirkt werden soll. Die unsachlichen und zunehmend hysterischen Aussagen im Vorfeld sowie die personelle Zusammensetzung der Runde – welche mit Ausnahme der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS) all jene ausschließt, die sich Fanszenen zugehörig fühlen bzw. unmittelbar mit dieser in Kontakt kommen – lässt wenig Gutes erahnen.

In zeitlicher Nähe zu den Vorfällen beim live im ZDF übertragenen Pokalspiel BV Borussia Dortmund gegen SG Dynamo Dresden, die diesmal zum Auslöser von wellenartig wiederkehrenden „moral panics“ wuchsen, wurde der neue Jahresberichtes der polizeilichen Zentralen Informationssammelstelle Sport (ZIS) veröffentlicht. Dort ist von einem „schwankenden aber tendenziell konstant hohen“ Gewaltniveau die Rede, bei dem aber nur 0,0003% der Zuschauer durch Fangewalt oder bei Einsätzen der Polizei verletzt werden. Die Unterzeichnenden wollen Gewaltförmigkeit im Fußball keineswegs verharmlosen bzw. ihre Opfer verunglimpfen. Die Relationen angesichts der Hysterie sind jedoch untragbar.

Es lässt sich seit Jahren genau zurückverfolgen, wie sich sichtbar werdende Gewaltförmigkeit in Fußball-Zuschauerkulturen im öffentlichen Diskurs in unregelmäßigen Abständen zu einer „neuen Dimension“, einer „tickenden Zeitbombe“ oder wahlweise bevorstehenden „italienischen“ oder „polnischen Verhältnissen“ konstruieren. Alle zuständigen Institutionen, einige Fanforscher, Fanarbeiter und selten Fans tauchen dann mit redundanten Reaktionen in den Medien auf. Das Ergebnis ist immer gleich: ein mysteriöser öffentlicher Druck erzeugt Handlungsdrang bei den zuständigen Institutionen.
In der Wahrnehmung wird Pyrotechnik weder von Gewalt getrennt betrachtet, noch werden die Gründe dafür als Grundlage für kontinuierliche Maßnahmen zu Rate gezogen. Die gelegentlich eingewobene Fanarbeiter- oder Fanforscherstimme verkommt im Gesamtdiskurs zu einem rechtfertigenden Feigenblatt.
Schauen wir uns an, wie häufig in der Geschichte der Gewaltförmigkeit im Fußballumfeld ad hoc Maßnahmen beschlossen wurden, die Fanszenen langfristig veränderten, ist eines sicher: Gewaltförmigkeit gibt es weiter, in sich stets verändernden Formen. Wären wir dabei stets in eine „neue Dimension“ der Gewalt eingetreten, müsste es inzwischen Mord und Totschlag auf den Rängen geben.
Dass die Straftaten beim Oktoberfest relativ betrachtet höher liegen, interessiert ebenso nicht. Würde man Deutschlands Schützenfeste oder Kneipenschlägereien zu einer Szene konstruieren und ihr nur annähernd so viel mediale Aufmerksamkeit schenken, wie einigen Minderheiten unter Millionen Fußballfans, dann wäre dieses Land ein einziger Runder Tisch.

Jugendliche und jungerwachsene Fußballfans wachsen in einem Land auf, in dem Jugendeinrichtungen und Forschung nach neuen, lebensweltorientierten Ansätzen stets und drastisch zusammengestrichen wurden. Parallel hat sich die Welt des Kommerzes und des Konsums vor ihnen entfaltet, kostenfreie, gemeinschaftsfördernde Erlebnisfelder und Freiräume werden zunehmend beschnitten. „Runde Tische“ sind auch eine hilflose Konsequenz dessen. Auch wenn die Anzahl der sozialpädagogischen Fanprojekte angestiegen ist, entspricht ihre Ausstattung oftmals bei weitem nicht den Vorgaben des Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit (NKSS).

Werden Fans in jüngeren Jahren an „Runde Tische“ geladen, wird ihr Dialogvorschuss institutionell kaum auf Augenhöhe geführt und frustriert. Als nach Fangeprächen mit dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau vor der WM 2006 letztendlich das Bundesinnenministerium und DFB die Einrichtung einer Ombudsstelle für Fanangelegenheiten bekannt gaben, wollte die später niemand mehr finanzieren oder umsetzen. Die einzige Konsequenz des letzten DFB-/DFL-Fankongresses 2007 war seitdem die Herabsetzung der Stadionverbotshöchstdauer von fünf auf drei Jahre. Ansonsten blieb die damals eingerichtete AG Fandialog ergebnislos. Darüber hinaus wurde das antidiskriminierende, bundesweit tätige, erfolgreiche Ein-Mann-Projekt „Am Ball bleiben“ nicht institutionalisiert und aufgestockt, sondern nach drei Jahren Laufzeit schlichtweg vom zuständigen Bundesministerium und dem DFB eingestampft. Zusätzlich leistet sich niemand einen wissenschaftlichen Beirat, der langfristig angelegte, sozial orientierte Lösungsvorschläge mit Rat und Studien unterstützt.

Jüngstes Beispiel ist der Umgang von DFB und DFL mit der von Ultragruppen vorgebrachten Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“. Ziel der in Zusammenarbeit mit Juristen erarbeiteten Kampagne ist es, lokale Pilotprojekte zu schaffen, die legales, kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik im Rahmen von Fußballspielen ermöglichen. Man verzichtet explizit auf Knallkörper und Leuchtspurmunition/Raketen.
Wie auch die Millionen Mitglieder starke, von der UEFA geförderte Fanorganisation Football Supporters Europe „FSE“ mit Sitz in Hamburg immer wieder betont, gibt es Beispiele in Europa, wo ein solches Abbrennen z.B. nach Feuerwehrkurs, mit Pyro-Pass und Kennzeichnung der Pyro-Bereiche im Stadion durch Schilder sowie schon beim Kartenvorverkauf einerseits die Inszenierung der Ultras sicher macht, andererseits dem Verein und den Medien die gewollte Stimmung bringt.
Nach fortgeschrittenem Dialog und einem nahezu eingehaltenen Pyroverzicht der beteiligten 150 Ultragruppen von über 50 Vereinen, brachen DFB und DFL den Dialog nach einem Rechtsgutachten ab. DFL-Vertreter Rauball verhöhnte Ultragruppen und den Dialog daraufhin, als er öffentlichkeitswirksam verkündete: „Es gibt da eine Geisterdebatte, dass der DFB und die Liga die Pyros doch ‘legalisieren’ könnten.“

Nach wie vor setzen sich die Initiatoren der Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ für ein selbstreguliertes Abbrennen von Pyrotechnik ein. Auch wenn die Aussichten auf Pilotprojekte – wie etwa in Düsseldorf, wo man sich mit Verein, Feuerwehr, Ordnungsamt und Polizei bereits einig war – seit dem rigorosen Veto des DFB und der DFL äußerst gering sind.

Weder die Ereignisse von Dortmund, noch die Statistiken der ZIS sind repräsentativ für die vielschichtige Entwicklung, die die deutsche, organisierte Fansgruppenzene in den letzten Jahren genommen haben. Mit dem Auftauchen und der Verbreitung des Fanmodells „Ultra“ hat sich eine nach außen bemerkenswert vielfältige, selbstregulierende, self-empowernde, partizipatorische Fankultur etabliert, die weitestgehend aktiv anti-demokratischen Tendenzen vorbeugt und sich für die Umsetzung von Menschen- und Bürgerrechten einsetzt. Selten war das Potenzial so hoch wie heutzutage, eine erfolgreiche Selbstregulierung in den Fanszenen zu etablieren.

Von Anfang an sehen sich Ultras von drastischen Polizeiaufgeboten und Maßnahmen begleitet. Öffentlich werden sie zu „folk devils“ stigmatisiert. Dabei ist das Gewaltniveau in Deutschland nicht höher als in anderen europäischen Ländern, wo die Bundesligen als Beispiel für den Erhalt der Fankultur bei hoher Sicherheit gelobt werden. Ergebnis davon ist, dass die Bundesliga seit Jahren den mit Abstand besten Zuschauerschnitt in ganz Europa aufweist. Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang bei den hervorragenden Zuschauerzahlen in der Zweiten Bundesliga – abseits der Erfolge und des Fußballs der Stars. Hier gehen die Leute auch hin, weil ihnen, egal wie das Spiel läuft, ein – in aller Regel – friedliches Spektakel auf den Rängen geboten wird.

Ultragruppen mieten Hallen zur Tage dauernden Vorbereitung von Massenchoreografien, betreiben in eigenen Jugendräumen ehrenamtliche soziale Arbeit, sammeln Gelder für wohltätige Zwecke, organisieren Auswärtsbusse und Fanturniere, helfen sich bei der Bewältigung des Alltags z.B. durch Nachhilfeunterricht und Bewerbung schreiben, bewegen sich mit Aktionen auf Flüchtlinge und Asylsuchende zu, sind bedeutend bei der Durchsetzung eines antirassistischen Grundkontextes in zahlreichen Fällen, etc. Hier erlernen die Demokrat/inn/en von morgen, wie Demokratie funktionieren kann. Die wenigen Punkte können die Heterogenität der Ultras und ihre Bedeutung als Gradmesser und Seismograf für Deutschlands Fanszenen nur andeuten.

Nicht nur deshalb verwundert uns externe Beobachter der Umgang mit Ultragruppen in vielerlei Hinsicht, derzeit besonders bezüglich des Dialogs zu „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“. Nach diesem Verlauf der Gespräche ist nicht zu erwarten, dass die Fan- und Ultraszene nun auf Pyrotechnik verzichtet. Im Gegenteil: Es wird in Zukunft weiter gezündet werden. Besonders aktuell im frischen Frust. Ultras wissen, dass sie eine Strafe erwartet und werden diese bei angemessenem Strafmaß auch antreten. Dies muss eine Demokratie aushalten. Während Sie diesen Brief lesen, fahren viele tausend Menschen in Deutschland mit Kalkül viel zu schnell in ihrem Auto und gefährden dadurch die Unversehrtheit und das Leben von sich und anderen. Sie tun dies, obwohl sie wissen, dass es illegal ist, im vollen Bewusstsein der zu erwartenden Strafe. Die Leistungsfähigkeit von Autos wird dennoch nicht reduziert. Das hält eine Demokratie bereits aus.

„Hinter der Bezeichnung der Fans als ‘kriminelle Elemente’, als ‘Chaoten’, hinter der vorschnellen Einstufung der Fans als Kriminelle, der öffentlichen Verurteilung und Aufbauschung von Gewalthandlungen jugendlicher Fußballfans scheint in der Tat Methode zu stecken: Es lässt sich somit vortrefflich von der eigenen, alltäglichen Gewalt im Sport, wie in der Gesellschaft ablenken. Macht es wirklich einen Unterschied aus, ob ich als Erwachsener mich mit mehr oder weniger skrupellosen Methoden und Mitteln im Wirtschafts- oder politischen Leben durchzusetzen versuche, ob ich als Sportler mit allen – auch den unerlaubten – Mitteln dem Erfolg nachstrebe, oder ob ich als Jugendlicher mir Erfolgserlebnisse, Selbstwertgefühle, Bedürfnisse nach Abenteuer und Spannung, die mir die Gesellschaft vorenthält, durch Randale und Provokation hole? Gewalt ist in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft alltäglich, allein nur die Gewalt der Jugendlichen scheint bedrohlich und besorgniserregend und der gesellschaftlichen und ordnungspolitischen Reaktion zu bedürfen“ – diese Worte des heutigen DFB-Berater Prof. Gunter A. Pilz und von Peter Becker treffen derzeit wieder zu.

Wenn nun wieder einmal nach drakonischen und in der Regel pauschalisierenden Strafen und Verboten gerufen wird und wir die hier beispielhaft angedeutete gesellschaftliche Lage einbeziehen, ist es leider kein Wunder, dass bei den Ultras, aber auch anderen Fans, die Frustration steigt, die sich dann in manchen Fällen in einer emotional aufgeladenen Situation am Stadion möglicherweise gegen die Polizei entladen könnte.
Seit Jahren beklagt sich die Polizei in ihren Jahresberichten über Solidarisierungseffekte gegenüber Ordnungspersonal und Polizisten. Aber diese Solidarisierung ist wenig verwunderlich, wenn den Funktionären und nicht selten auch der Polizei nichts anderes einfällt als Verbote und pauschale, kollektive Strafen.

Wir appellieren u.a.:
Beziehen Sie die Erfahrung von Menschen, die unmittelbar mit der Fanszene in Kontakt stehen (Fanbeauftragte, Fanprojekte, Wissenschaftler/inn/en, etc.) stärker kontinuierlich und strukturell mit ein.
Beteiligen Sie verstärkt grundsätzlich Fanvertreter an zukünftigen Gesprächen – auf Augenhöhe. Brechen Sie den Dialog zur aktiven Fanszene nicht ab, sondern intensivieren Sie ihn. Betrachten Sie Fans als Sicherheitspartner, nicht als Sicherheitsrisiko.
Verfallen Sie nicht der Illusion, mit ad-hoc-Maßnahmen, Verboten und neuen, fragwürdigen Datensammlungen Probleme rund um den Fußball lösen zu können.
Investieren Sie in eine Erforschung der Fankulturen, um Maßnahmen gezielter an Ursachen anzuknüpfen und bei Gewalt- oder Pyrovorkommen eloquenter der (Medien-)Öffentlichkeit gegenüber treten zu können.
Statten Sie alle Fanprojekte so aus, wie es das NKSS vorschreibt.
Richten Sie eine unabhängige, professionelle Ombudsstelle als vermittelnde Instanz ein.
Reformieren Sie Polizeistrategien und Ideen der (präventiven) Konfliktschlichtung, indem sie die heutige Lebenswelt von Fußballfans verstärkter berücksichtigen.

Gerd Dembowski
Jonas Gabler
Prof. Detlev Claussen
Prof. Diethelm Blecking
Prof. Manfred Liebel
H.-Georg Lützenkirchen
Prof. Jochen Zimmer
Dr. Georg Spitaler
Nicole Selmer
Martin Endemann
Adam Bednarsky
Simon Groscurth
Ian Mengel
Dr. Mark Terkessidis
Dietrich Schulze-Marmeling
Franziska Wölki-Schumacher
Dr. Gabriel Kuhn
Prof. Lorenz Peiffer
Prof. Gunter Gebauer
Dr. Lars Riedl
Benjamin Fuchs
Peter Schüngel
Prof. Clemens Pornschlegel
Dr. Jürgen Martini
Peter Czoch
Dieter Bott

Dieser Brief entstand am 12.11.2011. Weitere Unterzeichnende werden folgen.

 


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